Dienstag, 27. Mai 2014

Die fehlenden vier Tage

In Kiew und Odessa wurde uns mehrmals zugesichert, dass wir in der momentanen Lage visafrei auf die Krim fahren dürfen.




Am 24.5 kaufen wir am Bahnhof von Odessa Tickets nach Simpferopol. Die Frau am Schalter macht sogar 50 Hrivna Rabatt. "Kauft euch etwas zu trinken und zu knabbern." Sie wünscht uns eine schöne Fahrt.








Um Mitternacht startet unsere Reise. Wir freuen uns auf die Fahrt und beherzigen den Vorschlag der Ticket-Verkäuferin.
Die Schaffnerin kontrolliert unsere Pässe und lässt uns einsteigen.







Um 5.30 erreichen wir die ukrainische Grenze. Mit Maschinengewehren betreten die Beamten der Grenzkontrolle den Zug und prüfen nochmals die Pässe. Das Gepäck wird nicht durchsucht.



Die Schaffnerin bringt Tee. "Jetzt kommt noch kurz die russische Kontrolle und um 11 Uhr sind wir dann in Simpferopol." Wir füllen die Migrationsscheine aus.





Um 8 Uhr bleibt der Zug stehen. Blau uniformierte Beamten der Grenzkontrolle steigen in den Zug. Ein Mann aus Irland, ein Abteil weiter wird nach dem russischen Visum gefragt. Dann erreichen sie uns. Als sie Simons Pass in den Händen halten, werden wir nach dem Visum gefragt. Danach steigen wir aus, begleitet von mehreren Bewaffneten. Bei 32 Grad in einem eilig errichteten Militärlager versuchen wir zu erklären, dass uns alle Stellen in Kiew und Odessa versicherten, es reiche den Migrationsschein auszufüllen und sich vor Ort anzumelden.

Die Männer vom Grenzübergang schütteln den Kopf. "Es tut mir leid. Dies hier ist russisches Territorium. Zwischen der Krim und Kontinental Russland besteht keine Grenze mehr. Die Ukraine sieht es als eigenes Land an. Dadurch kommt es zu Desinformation und Gerüchten in den Medien".

Zweieinhalb Stunden verbringen wir am Grenzposten und werden mit dem nächsten Zug Richtung Mikolaiv geschickt. Die Fahrgäste erzählen uns, dass viele Ukrainer beim Grenzübergang wegen Formalitäten abgewiesen werden. Eine Frau mit neu geborenem Kind musste ebenso aussteigen.


















Am ukrainischen Grenzübergang wird Damien aus Irland von einem Zollangehörigen angesprochen. "Meine Mutter ist in Irland und auf der Suche nach einem Job. Vielleicht können Sie ihr helfen". Als Gegenleistung schlägt er vor, uns mit dem Auto zu einem anderen Grenzübergang zu bringen. Wir können dort noch einmal unser Glück versuchen, indem wir den Bus über die Grenze nutzen.

Ein junger Mann mit Militäruniform begleitet uns zum etwas reparaturbedürftigen Auto, in dem er keinen Platz für seine Kalaschnikow findet. Die Waffe klemmt er zwischen die Beine und startet den Motor, der nicht gleich anspringen will. Alisa schlägt vor, die Waffe kurz zu halten. Er lehnt es ab, weil diese geladen sei.

Wir fahren eine Landstraße entlang. Links und rechts weite Felder. Er fragt uns: "Will noch jemand aufs Klo gehen hier auf dem Feld? Dann braucht ihr kein Visum mehr beantragen. Hier ist alles voll mit Mienen" und fügt hinzu: "Neulich fuhr ich hier entlang und eine Kuh hat das mit den Mienen wohl nicht gewusst". Wir schweigen.

Am Grenzübergang steigen wir in einen alten kleinen Bus. An der russischen Grenze werden wir gestoppt. "Jeder EU-Bürger muss beim Übergang auf die Krim ein normales Visum für die russische Föderation haben", sagt der Zollbeamte. "Das könnt ihr ganz einfach in Kiew beantragen. Ein Tag dauert es."

Schon als unsere Rückreise beschlossene Sache war, durchsuchten sie unser Gepäck. Die Kamera wurde begutachtet und Alisas Rucksack.

Dort fanden sie den Maidan Becher (siehe Eintrag vom 11. Mai) sowie den Boykott Flyer
(siehe Eintrag vom 15. Mai).

Alisa muss in das Grenzgebäude und wird eine knappe Stunde verhört. Vorgeworfen wird ihr "Junta-Propaganda". Der Becher wird "Faschisten Artefakt" genannt und Alisa als eine geheime Spionin. Doch später darf sie gehen. 

Am Grenzübergang nimmt uns ein LKW-Fahrer mit. Juri, so heißt der Mann, muss in seine Stadt Kherson zurück. Wir fahren mit. Er erzählt uns vom "annektierten Territorium" und seine Hoffnungen auf den neuen Präsidenten. Juri werde für Poroschenko abstimmen.


Er sagte, jemand der schon so viel Geld habe, brauche keins mehr. Mit Janukovitsch habe die Korruption den Höhepunkt erreicht.

In Kherson zeigt uns Juri den Podest, auf dem früher das Lenin Denkmal stand. Der Rechte Sektor habe es demontiert. Jetzt weht dort die ukrainische Fahne.
Auf dem Podest steht: "Es lebe die Ukraine - Ehre den Helden".

Am gleichen Abend sehen wir diese Demo. Die Mädchen rufen: "Es lebe die Ukraine - Ehre den Helden" (Slava Ukraine, geroyam slava)



Wir folgen der Anweisung des russischen Beamten und machen uns auf den Weg nach Kiew. Zusammen mit Damien aus Irland mieten wir ein Auto. "Mit der Fahne ist es einfacher die Blockposts zu überqueren", so der Autovermieter.

Zwölf Stunden dauert unsere Reise von Kherson nach Kiew. Auf dem Weg sehen wir mehrere Blockposts, auch Panzer und Maschinengewehre.

In Kiew sind viele Kameraleute und Fernsehjournalisten. Es ist der Tag nach den Wahlen. In Cafes und auf der Straße bereden alle nur eine Nachricht - den Sieg von Pjotr Poroschenko. Auf dem abgebrannten Haus der Gewerkschaften auf dem Maidan gibt es nun dieses riesige Plakat. "Es lebe die Ukraine - Ehre den Helden", steht darauf.











Vor der russischen Botschaft stehen viele Menschen. Die meisten von ihnen beantragen die russische Staatsbürgerschaft.

Eine Mitarbeiterin erklärt uns, dass wir das Visum nicht beantragen können, da wir in einem "third part country" sind. Das heißt, man müsse das Visum dort beantragt haben, wo man auch wohnhaft ist. Also, in Deutschland. Die russische Botschaft in Kiew habe keine Berechtigung den Bürgern anderer Länder in der Ukraine ein Visum auszustellen. Doch danach flüstert sie, es gebe eine Möglichkeit.

Wir rufen den Mann an. Er will keine Fragen am Telefon beantworten. Wir treffen uns in seinem Büro. 650 EUR würde ein Visum kosten und 3-4 Tage bräuchte er dafür, um diese Angelegenheit über "seine Kanäle zu regeln". So einen hohen Preis können wir nicht bezahlen. Die Krim bleibt für uns geschlossen.

Wir bringen das Auto zurück und machen einen Zwischenstopp in Odessa.

Es geht bald los. Ostukraine. 

Kommentare:

  1. 650€ ist natürlich ein Wort. Könnt ihr nicht telefonisch mit der Russischen Botschaft in D was regeln?
    Bleibt dran!

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  2. Kann man das nicht durch die Deutsche Botschaft machen,gibt vielleicht eine Filiale in Odessa?Versucht mal....

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